The Majors

Sie nennen ihn «the goat», die Ziege, vielleicht den Bock. Letztlich auch eine Frage des Standpunkts. Und irgendwie hat er nun sowohl einen wie auch keinen Bock geschossen. Ohne die vier Punkte in Serie im Tiebreak des zweiten Satzes hätte er einen Bock geschossen, der ihm noch lange auf dem Magen gelegen hätte. So aber schoss der den Bock, den er heute wohl schon in nötiger Lässigkeit verdaut hatte, obwohl er gestern überaus zäh war: Andy Roddick. Nur eingefleischte Amateure argumentieren, Roddick habe doch eigentlich besser gespielt. Der seit Jahren inflationäre Gebrauch des Wortes «eigentlich» lässt die ursprüngliche Bedeutung des Wortes in Vergessenheit geraten. Das Wort impliziert die gegenteilige Aussage des Satzes und bestätigt nur, was alle gesehen haben: Andy Roddick, the runner-up. Aufgelaufen ist er einmal mehr an der kühlen, glatten Fassade des «Champ» und schliesslich erledigt von dessen Killerinstinkt. Trotzdem nennen sie ihn nicht «shooter» sondern «goat»: Greatest Of All Times!

«Great achievment, very well done», sagte der Interviewer mit der berühmten «stiff upper lip» und einem rührend schulmeisterlichen Ton zu Andy Roddick nach dessen Sieg im Halbfinale gegen den Schotten Murray. Ganz anders dann das «court interview» direkt nach Final und Pokalübergabe. Sue Barker, immerhin Siegerin der French Open in Roland Garros von 1976 und routinierte Journalistin mit mehrjähriger Erfahrung im Court Interview der All England Championships wusste scheinbar nicht, wie ihr geschah, als sie die erste Frage mit einer vorweggenommenen Antwort begann. Ein faux-pas, der ihr nicht widerfahren sollte, denn es muss dem Champion überlassen sein, ungefragt den Challenger über den grünen Klee zu loben. So verlangt es das Drehbuch. Roger verlor zwar nicht die Contenance, aber kurzfristig den Faden und murmelte schliesslich Dinge wie «unbelievable». Fed erweist zwar allen Gegnern denselben Respekt, und doch war seine Adresse an A-Rod anders als der Tribut, den er Rafa im vergangenen Jahr zollte. Der Grund ist offensichtlich: Warum sollte er sich vor einem Mann verbeugen, der zwar ein gutes Turnier gespielt, aber in Wimbledon aus dem Nichts kam und schliesslich verloren hatte? Waren Roddicks Worte des Lobes ehrlich? Sein Gesichtsausdruck sprach Bände, er war «pissed». Nichts wie logisch, dass Federer im Glanz des Sieges ihm etwas entgegnete, das nie und nimmer eintreffen wird: «Du wirst zurück kommen und hier gewinnen, das hoffe ich wirklich.» Es gibt gute Gründe, warum es Roddick nicht verdient, Wimbledon je zu gewinnen (es gibt einige Spieler mehr als Roddick, die dies nicht verdient hatten): Tennis ist ein Spiel. Roddick spielt nicht Tennis, er führt einen Krieg auf dem Court (nicht zu vergleichen mit Nadal; er ist ein fighter und ein lover.) Roddick steht der Kriegsführung auch optisch in nichts nach. Während King Roger in massgeschneiderten Polos von Nike mit Goldbordüren aufspielt, trägt Roddick ein XXL-Shirt mit schwarzen Einsätzen in den Ärmeln, wie wenn sein Göttibub am Computer ein Design gebastelt hätte. Auch ein Lacoste-Shirt macht aus einem Prolo keinen Gentleman (oder waren die Designer vom Krokodil gebissen?). Die Hosen, zu weit, zu lang. Roger spielt in Schuhen so klassisch und leicht, dass er bei einer Audienz im Buckingham Palace nicht auffallen würde. Roddicks Reebok passen auf einen Pausenplatz in Uster. Roger pflegt einen Gang, Roddick schlurft wie ein Infanterist zur Grundlinie. Rogers Haar ist stets frisch frisiert, Roddick tropft der Schweiss ganz widerlich von der Mütze. Roger ruht in sich, während Roddick sein zu grosses, schlecht geschnittenes Shirt jeweils mit spastischen Bewegungen mit Links auf links und umgekehrt von den Schultern rupft. Warum er nach einem Doppelfehler vor dem folgenden Aufschlag zuerst mit der impertinenten Zeigefinger-Geste sein Frottiertuch verlangen muss, kann wohl auch nur ein Psychiater erklären. Womöglich um sich die schlechte Sicht aus den Augen zu reiben. Das hätte er bei der Pokalübergabe nochmals tun sollen. So nah wie dieses Jahr wird er die Trophäe nie mehr sehen. (L.T.)

~ von Lukas Tonetto am 6. Juli 2009.

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