Sport Aktuell – Mit Jelena Isinbajewa und einer Wurstwegge unter der Dusche

Sendung vom 10. September 2009

Ich weiss nicht, wie es Ihnen dabei geht, aber ich assoziiere Sport immer noch mit Askese (weniger mit Gesundheit, ohne dass ich nun dabei den Witz aufwärmen möchte, wonach Sportler nicht länger leben, sondern nur älter aussehen). Wann immer ich aber mein allabendliches Martyrium auf mich nehme und mich den Qualen von «Sport Aktuell» aussetze, geschieht etwas Seltsames: Sobald ich Beni Turnheer erblicke, bekomme ich einen sagenhaften Appetit auf Wurstweggen; ja, richtige, dampfende Wurstweggen, nach deren Genuss man glänzende Lippen und fettige Finger als Andenken zurückbehält (nach einem halben Tag ohne Händewaschen, übrigens Verboten seit Beat Schlatter in einem seiner sieben Werbespo(r)ts übers Fleisch Grillieren und Händewaschen so wie ein richtiger Füdlibürger und Pseudobüezer sinniert, riechen dann die Finger schon ein bisschen ranzig; übrigens ein Geruch, der mir auch immer in die Nase steigt, wenn ich Beni Turnheer im «Sport Aktuell» sehe). Man mag nun einwenden, nicht in jeder Sportart sehe man aus wie Kenenisa Bekelele und damals Regula Späni (viel spannender als Fun-Sportarten wie Freestyle-Motocross stelle ich mir Track+Field inverted vor: Bekelele und die restlichen Hungerkünstler müssten Hammerwerfen, während die Kugelstösser unter der Ägide von Christian Cantwell über die 10′000m gejagt würden).

Chris Catwell„The secret of my success? I like steaks!

Gewiss, in vielen Sportarten ähneln die Athleten eher Fleischklössen als Athleten: Gewichtheben bildet da nur die Spitze des Eisbergs. Am Interessantesten bleibt da eben doch die Leichtathletik, denn während bei den Gewichtheberinnen die kleinen Dicken unter Ihresgleichen bleiben, werden in der Leichtathletik alle Formen wie in einem Klötzlispiel bunt gemischt. Findet zum Beispiel am selben Abend während eines Meetings das Stabhochspringen und das Kugelstossen der Frauen statt, stehen quasi nebeneinander in der Arena folgende drei Athletinnen: Aus Polen, Anna Rogowska, 28 Jahre alt, 171 cm gross, 53 kg. Aus Russland, Jelena Isinbajewa, 27 Jahre alt, 174 cm gross. Und aus China, Gong Lijiao, 20 Jahre alt, 166 cm gross, 81 kg.

GongDie Chinesische Küche ist ja so was von gesund, weil das Gemüse so knackig ist

Würde man der Rogowska und der Isinbajewa jeden Stab noch so gerne in die Hand geben, fürchtet man sich ein wenig beim Gedanken, was mit den Kugeln in der Hand von Gong geschehen könnte. Der Höhepunkt der Veranstaltung findet dann aber in den Katakomben statt. Rogowska, Sanya Richards, noch atemlos vom 400m Lauf, Isinbajewa und Gong treffen sich in der Kabine (das sind, geschätzte Leserin, keine tumben Männerphantasien; ich war Leichtathlet und weiss, wie es sich als Mehrkämpfer anfühlt neben einem 3000m Läufer unter der Dusche zu stehen. Man denkt die ganze Zeit daran, ob man noch einen Energieriegel, postmodern ausgedrückt, einen Energybar in der Sporttasche findet, den man dem armen Stengel geben könnte). Wie aber soll das gehen? Katzenhaft tänzeln die drei Gazellen in Richtung Dusche, worauf Gong ihre Fettreserven in die Dusche wummert? Wie, bitte, soll das gehen? Ich meine, die Richards, die ist ja viel zu nett, aber die beiden Ostblockfrauen, die sich seit Jahr und Tag in der Folterkammer quälen (so wie ich, geschätzte Leserinnen, so wie ich mich für Sie mit Beni Turnheer und Konsorten quäle), müssen die sich nicht anschauen und entweder in einen kompromisslosen Blutrausch oder aber in schallendes Gelächter ausbrechen? Womit kann die Gazelle ihre filigrane Figur gegenüber der Sumpfmasteule rechtfertigen?

Isinbaeva_0021Würden Breshnev und Andropov dies noch erleben, schwörten sie dann dem Kommunismus ab?

Die Linguistik sucht bekanntlich seit DeSaussure Minimalpaare. Ich habe bereits einige gefunden. Da wären neben den erwähnten Gong/Isinbajewa zum Beispiel auch Hitzfeld/Kuhn. Nicht umsonst trägt König Ottmar den Respekt erheischenden Titel «General». Kuhn, äh, nei, aso, nid das ich wüsst, trug, äh, glaub ich, äh, keinen Titel. Ein weiteres Minialpaar tritt nie mehr gemeinsam auf. Es ist der grosse, unsterbliche, jedes Sauglattismus’ abholden Karl Erb und die wurstweggenhafte Inkarnation des missglückten Kalauers per se Beni Turnheer. Während erster mir in ewiger stimmlicher Erinnerung bleiben wird, hängt mir der ranzige Geruch des letztgenannten wohl noch jahrelang in der Nase. Da kann der gute Beni noch so lange über die Californication von den Red Hot Chili Peppers kalauern. So viel Schärfe kaufen wir ihm einfach nicht mehr ab.

P.S. Einen, aber wirklich nur einen auf dieser Welt gibt es, der immer ein König bleiben wird, wenn auch nur der kleinen Leute: Es el Diego (das ist Spanisch und heisst: Es ist der Diego, angelehnt am Titel dessen Biographie «Yo soy el Diego», am besten im Dialekt übersetzt «Ich bi de Diego»). Diego Maradona, glückloser Coach der Albicelestes, der eben die Qualifikation für die WM 2010 verspielt hat, darf trotz Magenband (Magenrestvolumen eine Espressotasse) wieder 20 kg zunehmen. Ob von Churrasca oder von Quilmes oder von Coci ist uns egal. Weil wir, die Jünger einer besseren Welt, wissen, dass was Zidane mit einem Fussball, Diego mit einer Orange kann. (@Yazid: Les plus grand champions sont les silencieux, car eux, sur les terrains, sont les seïds, invisible, invincible.)(L.T.)


~ von Lukas Tonetto am 10. September 2009.

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