Das Trinkgeld – eine Vision

Kürzlich über diesen Text gestolpert. Er wurde – welch’ Überraschung ! – von keiner Zeitung publiziert. Geschrieben vor 15 Monaten. So gedacht vor 15 Jahren. Der Prophet im eigenen Land gilt nicht nichts. Aber wenig.

Das Trinkgeld
Kennen Sie solche Leute? Sie sitzen im Restaurant, die Küche ist ausgezeichnet,
der Wein gut eingeschenkt und wenn’s ums Bezahlen geht, lehnt sich einer am Tisch
zurück und sagt bestimmt: «Ich gebe sicher kein Trinkgeld. Ich bezahle ja für alles!»
Kein fachliches Argument könnte diese Haltung entkräften. Blickt man über den
sprachlichen Tellerrand, wird deutlich, worum es beim T.I.P. geht: To ensure a proper
service. Eine alte und zugleich zeitlose Form eines Handels. Darin liegt das Wesen
dieser Geste: Sie bedeutet ein Geben und ein Nehmen.
Natürlich findet sich stets eine Minderheit, die das bullige Auftreten gegen alte
Überlieferungen als bodenständig und rechtschaffen befindet. Wer sich aber gegen
eines der ältesten kulturellen Erbe der Menschheit, das Gesetz des Handels stellt,
muss sich nicht wundern, wenn er am Schluss kein Trinkgeld, aber doch die Zeche
bezahlt.

Kein Trinkgeld, aber die Zeche bezahlt

Der FC Aarau ist beileibe nicht dafür bekannt, ein grosser Geber zu sein. Gerade
wenn man es aus strukturellen, bisweilen hausgemachten Gründen nicht so sehr mit
dem Geben hat, wäre Vorsicht geboten, nicht immer nur zu nehmen. Sonst sind die
wenigen verbliebenen Sympathien schnell verspielt.
Es gibt im Leben bisweilen unangenehme, aber kulturell verwurzelte
Gepflogenheiten. Sich dagegen auflehnen wird keinen Systemkollaps bewirken.
Nicht im Restaurant und weniger noch im Fussball durch die Weigerung, vor wie
hinter den Kulissen gewisse Regeln hinzunehmen. Hier wie dort gilt: Nur wer gibt,
erhält etwas zurück, und nicht jede Forderung ist eine Erpressung (in Italien bezahlt
man immer den coperto, sogar wenn nur ein Körbchen knochentrockenes Brot
gereicht wird).
Wer nie gibt, dem wird irgendwann nicht mehr gegeben. Vermutlich hat sich der FC
Aarau an genau diesen Punkt manövriert. Wer einst die U-21 ersatzlos strich, um
Geld zu sparen, sich den nicht immer durchschaubaren Gepflogenheiten im
Tagesgeschäft verweigerte und das vermeintlich gesparte Geld schliesslich
verjubelte für ein wenig heisse Luft gleicht demjenigen, der in der «Idaburg» das
Trinkgeld verweigert, um mit dem Geld beim Take Away noch einen Kebab zu
verdrücken. Anders ausgedrückt: Wer vor lauter Sparen vergisst, recht zu essen, soll
sich nicht wundern, wenn er irgendwann verhungert.
Zweimal hat der FC Aarau nun gewonnen. Bleibt für den Klub, den kurzzeitigen
Erfolgen zum Trotz, dennoch nur noch eine harte Diät? Beim trockenen Brot in der
Challenge League? (März 2010)

***

P.S. Tip: Googeln Sie “FC Aarau Abstieg”. Wählen Sie Bildersuche. Fällt Ihnen etwas auf?

~ von Lukas Tonetto am 16. Juni 2011.

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