Fensterplatz in Rio!
“Você está indo jogar uma pelada!?” hören wir die Mutter aus der Küche rufen.
(Natürlich nicht unsere Mutter. Wir spielten keine Pelada. Wir fuhren Rollschuh. Oder spielten Fussball. Zur Freude des Sigristen an die Mauer der Kirche.)
Die Mutter, die das rief, war die Senhora do Nascimento. Und aus dem kleinen Edson sollte doch etwas werden. Eines Tages, wenn er gross war. Dass man auch ohne Schule etwas werden kann, hatte Frau do Nascimento nie jemand gesagt. Und ehrlich gesagt: Im Brasilien anfangs der Fünfziger konnte man mit oder ohne Schule fast nichts werden.
Pelé, wie der kleine Edson auf dem Fussballplatz gerufen wurde, wenn er mit den anderen eine Pelada, einen Barfussmatch spielte, wurde etwas: Der grösste Fussballer aller Zeiten.
Mit 17: der erste Meistertitel im Campeonato Paulista
Was nach der Meisterschaft und der Weltmeisterschaft im Jahre 1958 folgte ist Geschichte. Und die Geschichten darüber Legion. Deshalb nur ein paar kurze, unumstössliche Dinge:
Natürlich gab es vor Pelé einen Leonidas und einen Matthias Sindelar, den man den “Papierenen” rief. Selbstverständlich gab es zu seiner Zeit einen Eusebio, einen Garrincha, einen Cruyff oder einen Beckenbauer. Letzterer behautptet bis heute “I musste jo nie auf den Ball schaun, weil, der Ball, des woa mein Freind.” Pelé musste auf den Ball schauen. Man entscheide selber, wer der grössere war.
Nach Pelé folgte alle zehn Jahre ein grosser Mann. Dieser Maradona, den alle nur Marado-nn-a nennen, vermutlich, weil er immer so weibisch tut. Danach Zidane – über den wir nichts, aber auch gar nichts schlechtes sagen wollen. Und schliesslich dieser Zwerg, der immer dribbelt, dieser Messi, aus Argentinien; liegt irgendwo hinter Brasilien.
Damit ist alles gesagt. Alles? Nicht ganz. Gestern abend lief im Schweizer Farbfernsehen die tägliche Mottenkiste, das Spielhaus für uns Männer. Das Paradepferdchen im Sport-Stall des SF (das jetzt ja SFRs oder so ähnlich heisst, aber diesen Scheiss machen wir nicht auch noch mit: Axpo Super League. Stade de Suisse. Ralph Sloczower. Mal aufhören mit diesen komischen Namen), das Paradepferdchen ist ja auch dafür berühmt, einfach ein wenig zu plaudern.
So auch gestern. Im Bericht über Marta – übrigens gut recherchiert – folgte unweigerlich der törichte Vergleich mit Pelé. Sagte auch Marta. Das SF ist im übrigen bekannt dafür, einen Hang zur Stereotypisierung zu pflegen, sobald es sich um Menschen mit nicht so raclettekäseheller Haut handelt wie zum Beispiel der Staff des Fernsehsports (sie erinnern sich an die WM 2010, oder an die Porträts ‘afrikanischer’ Spieler im Schweizer Fussball).
O rei, dem Grössten aller Zeiten, waren die Fussballgötter derart hold,
dass sie ihn sogar herzförmig schwitzen liessen.
Und weil für die Fensterplätzler vom SF dieser Pelé halt so ein Neger Schwarzer aus diesem Brasilien ist, ist für das SF auch klar, woher er kommt: Aus Rio! So einfach. Und das Museum mit seinen Trophäen? In Rio! Und sein Klub, der Santos FC? Aus Rio!
Nein. Leider nein. Santos liegt nicht in Rio. Als wir, damals, in den grossen, alten Tagen, vergangen wie der Regen über Sao Paulo, von Sao an die Rodoviaria in Guaruja fuhren, fuhren wir über die SP-055, und von der Abbruchkante im Tropenwald sahen wir über üppiges Grün unter einem endlosen Himmel hoch über dem Südatlantik die alte Hafenstadt Santos vor uns liegen. Und es liefen uns noch jedesmal kalte Schauer über den Rücken, wenn wir die Heimstatt dieses grössten Fussballers aller Zeiten sahen, 600 Kilometer von Rio entfernt.
Pelé: er war einmal ein Schuhputzjunge.
Er machte, was man nie gesehen hat,
an diesem Tag in Schweden, nass und glatt.
Er leckt die Bälle weg wie mit der Zunge.
Leonidas war groß und ist versunken.
Und Ademir war größer und verschwand.
Der allergrößte aber, vor der Hand,
ist nun Pelé. Man hat ihm zugewunken.
Sein Ruhm ist heller als der frische Schnee
und darauf dunkel zaubernd tanzt Pelé.
(Ror Wolf. Aus: WM Moritat 1958. in: Das nächste Spiel ist immer das schwerste, Frankfurt a.M., Frankfurter Verlagsanstalt, 1994, S. 16)
P.S. Pelé selber gab seine Krone, die man ihm, o rei, aufgesetzt hatte, freiwillig ab und setzte sie dem unvergleichlichen George Best auf. Er nannte Best den “besten Fussballer, den er je gesehen hatte.” Sagt Pelé über George Best. Und wenn wir ganz ehrlich sind, hatte Pelé recht.
P.P.S. Das Museu do Futebol des brasilianischen Verbandes CBF befindet sich in Sao Paulo. Das Klubmuseum von Santos daselbst im Museu Alvinegro Praiano.



